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Dezentral und differenziert

Der Wittekindshof verbessert die Arbeitssituation durch systematisches Betriebliches Gesundheitsmanagement

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof ist ein soziales Dienstleistungsunternehmen mit über 3.500 Mitarbeitenden an über 100 Standorten in Nordrhein-Westfalen. Die Anforderungsprofile der Mitarbeitenden und die Belastungen am Arbeitsplatz weisen eine große Bandbreite auf. Der Wittekindshof hat deshalb ein systematisches Betriebliches Gesundheitsmanagement aufgebaut, um die Arbeitssituation positiv zu gestalten – örtlich und inhaltlich differenziert.

Bemerkenswerte Pause: Richtig Pause machen, will geübt werden – im Einzelcoaching bei Dr. Melanie Horstmann gibt es Tipps für die richtige Erholung.

AUSGANGSLAGE

Was war die Herausforderung?

Die meisten Mitarbeitenden des Wittekindhofes sind in der direkten Förderung Betreuung und Unterstützung von Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen mit Behinderung tätig. Die Belegschaft ist vielfältig: Berufsanfänger treffen auf Mitarbeitende mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, Menschen mit Behinderungen treffen auf Menschen ohne Behinderungen, Mitarbeitende aus Pflege und Therapie auf Handwerker oder Verwaltungsmitarbeitende.

Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Belastungen am Arbeitsplatz - körperlich und psychosozial. Krisensituationen (z.B. fremd- oder autoaggressives Verhalten, Sterbefälle, Traumatisierungen), Zeitmangel, Lautstärke, Konflikte mit Angehörigen, Kostenträgern oder innerhalb des Teams gehören zum Arbeitsalltag in der Eingliederungshilfe und wollen gemeistert werden.

AKTIVITÄTEN

Was wurde wie gemacht?

Die Leitungsebene und die Mitarbeitervertretung haben die arbeitsbedingten Belastungen im Blick: „Denn was auf Menschen einwirkt, hat auch Auswirkungen auf den Menschen“, so Christian Rüter, Vorsitzender der Gesamtmitarbeitervertretung, welche am Zustandekommen des ersten BGM-Konzepts beteiligt war. Für die Umsetzung des Konzeptes wurde eine hauptamtliche Koordinationsstelle geschaffen und mit der Diakonin Dr. Lieseltraud Lange-Riechmann besetzt. Sie steht in enger Verbindung zu den Mitarbeitenden an den einzelnen Standorten und hat zugleich kurze Wege zur zuständigen Ressortleitung. Um das systematische Betriebliche Gesundheitsmanagement für mehr als 3.500 Mitarbeitende nicht an eine Person zu binden, wurde als Knotenpunkt aller Aktivitäten deshalb ein interdisziplinärer und überregionaler Fachzirkel BGM gebildet. Hier sind alle Akteure beteiligt: Schwerbehindertenvertretung und BEM-Koordinator, Fachkraft für betriebliche Suchtprävention, Personalentwicklung, Fort- und Weiterbildung, Mitarbeitervertretung, Brüder-/Schwesternpfarrerin, therapeutischer Dienst, psychologisch-pädagogischer Fachdienst und bei Bedarf der Betriebsmediziner.

Um die so geschaffene Struktur mit Leben zu füllen, braucht es natürlich die Ideen und das Engagement der einzelnen Regionen. Um das zu fördern, kommen Mitarbeitende in dezentralen Gesundheitsarbeitsgruppen zusammen, bunt gemischt von der operativen Basis bis zur Führungskraft. Sie arbeiten zeitlich begrenzt an konkreten Zielen. Wünsche und Probleme an den Arbeitsplatz werden aufgegriffen und Lösungsansätze erarbeitet, die im BGM nach Freigabe durch die Ressortleitung umgesetzt werden, z.B. Weiterbildungen, Schnuppertage, Vorträge, strukturelle oder bauliche Veränderungen zur Förderung der Gesundheit der Mitarbeitenden. So wurden u.a. Kurse zum Energiemanagement für die Erzieher*innen in den Familienzentren organisiert. Basis für das Energiemanagement waren die Ergebnisse einer Bachelorarbeit und der STEGE-Studie („Strukturqualität und Erzieherinnengesundheit in Kindertagesstätten“), die die arbeitsbedingten psychischen Belastungen in diesem Berufsfeld deutlich benennen: Störungen und Unterbrechungen bei der Arbeit, viele gleichzeitig anfallende Aufgaben sowie hoher Zeitdruck und Probleme, sich in der Pause zu erholen.

Das Energiemanagement will aktives Handeln zur Reduzierung von Stress unterstützen. Zum Einstieg erfahren die Mitarbeitenden, was Stress eigentlich ist, welche Folgen er für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit haben kann und welche Rolle die eigenen Energien dabei spielen. Persönliche Energieräuber werden ebenso in den Blick genommen, wie Verbesserungsbedarf und Wünsche an den Arbeitsplatz. Im Team und in Einzelgesprächen wird analysiert, wofür am Arbeitsplatz besonders viel Energie aufgewendet werden muss, aber auch woraus neue Energie geschöpft werden kann. Dabei geht es um berufliche und persönliche Prioritäten, die Strukturierung von Arbeitsaufgaben und die Stärkung einer guten Zusammenarbeit im Team. Das Energiemanagement hilft, das Wechselspiel von Be- und Entlastung im Gleichgewicht zu halten. Auch in besonderen Situationen, z.B. bei kurzfristigem Personalausfall, bewährt sich der Ansatz, weil Mitarbeitende prüfen, welche Prioritäten bestehen und was sie selbst oder nur mit Unterstützung bewältigen, aber auch was eventuell mal nicht erledigt werden kann.

Das Einverständnis der Mitarbeitenden vorausgesetzt, werden identifizierte, ausfindig gemachte, arbeitsbedingte Energieräuber an das BGM weitergegeben - eine wertvolle Informationsquelle für anstehende organisatorische Maßnahmen im BGM. So führte zum Beispiel die Rückmeldung der Mitarbeitenden, dass die Kooperation mit Angehörigen teilweise schwierig und konfliktträchtig ist, dazu, dass eine entsprechende Schulung angeboten wurde.

ERGEBNISSE

Was konnte erreicht werden?

  • Insgesamt ist das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz präsenter. Die Mitarbeitenden nehmen die vielfältigen Angebote gut an und geben positives Feedback. Proaktiv werden weitere Gesundheitsarbeitsgruppen eingefordert.
  • Das BGM ist fest in der Organisationsstruktur der Gesamtstiftung verankert. Eine verlässliche Zusammenarbeit und nachhaltige Maßnahmenumsetzung wird so überhaupt erst möglich.
  • Jedes Projekt und jede Maßnahme werden mit einem standardisierten Verfahren evaluiert. Dadurch erfolgt eine gute Einpassung in das Qualitätsmanagement.
  • Mit dem Projekt „Steigerung der Gesundheitskompetenz durch bemerkenswerte Pausen“ wurde der Wittekindshof Bundessieger des Deutschen BGM-Förderpreises.

ERFOLGSFAKTOREN

Was können andere davon lernen?

  • Feste Strukturen und ein gut vernetztes wie funktionierendes BGM, welches konsequent an der Zielerreichung arbeitet, sowie ein mit allen Beteiligten verabschiedetes BGM-Konzept sind eine entscheidende Arbeitsgrundlage.
  • Eine wertschätzende und ermutigende Haltung der Leitungsebene – im Vordergrund steht die Mitarbeitenden zu verstehen und Ängste zu nehmen.
  • Motivation der Führungskräfte: Im Wittekindshof haben 170 Führungskräfte am Training „Gesundes Führen“ teilgenommen.
  • Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt: Gezielte, kleine Schritte gehen, damit die ganze Energie nicht gleich „verpufft“. Dabei sind realistische Lösungsansätze und Maßnahmen gefragt und keine „Hochglanz-Gefährdungsbeurteilungen“, die in der Schublade liegen.
  • Unterstützung suchen und in Anspruch nehmen: Der betriebsärztliche Dienst, die Wirtschaftsförderung, das Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe als Dachverband, Fachhochschulen und Universitäten sind wertvolle Partner, wenn es um gesunde und motivierende Arbeitsbedingungen geht. Fördergelder und -möglichkeiten bieten z.B. Krankenkassen und Rentenversicherungsträger.
  • Gutes tun und darüber sprechen: Nicht zu unterschätzen ist eine gute Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache, so werden Informationen weitergetragen und Erfolge bekannt gemacht.

Ansprechpartner*in

Dr. Lieseltraud Lange-Riechmann
Betriebliches Gesundheitsmanagement
Wittekindshof - Diakonische Stiftung fpr Menschen mit Behinderung
Zur Kirche 2
32549 Bad Oeynhausen
E-Mail schreiben
Telefon: 05734 - 611046


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